Corona – Homeschooling, Lerntherapie und AD(H)S

Was bedeutet Homeschooling für die Betroffenen mit AD(H)S?

Homeschooling ist eine gute Möglichkeit, um schulisches Wissen in der Corona-Zeit zu vermitteln.  Gilt dies auch für AD(H)S betroffene Kinder und Jugendliche? Welche Inhalte stehen im Fokus der Online-Therapie?

Exkurs Lerntherapie

Mein Name ist Jeannine Hohmann. Ich arbeite in meiner Praxis Institut Lernen mit Kindern und Jugendlichen, die AD(H)S diagnostiziert wurden. Lerntherapie betrachtet unterschiedliche Entwicklungsbereiche unter Einbeziehung der Kompetenzen und Grenzen. Die Grundlagen der Förderung beinhalten schulische Fertigkeiten, die Sensomotorik, die Sprachentwicklung, den psycho-sozialen Aspekt, die kognitiven Fähigkeiten sowie die Vermittlung der Strukturierungs- und Arbeitsorganisation. Aus der Analyse der Diagnostik ergibt sich der Therapieansatz. Es findet eine wöchentliche Therapiestunde mit den Kindern/den Jugendlichen und ein regelmäßiger Austausch mit den Eltern, Schule und Betreuung statt.

Lockdown und was jetzt?

Online-Therapie als Unterstützungselement für Homeschooling

Als der Lockdown begann, realisierten Eltern erst allmählich, welche Auswirkungen die Veränderungen der äußeren Strukturen auf ihr Familienleben haben würden. In zahlreichen Telefonaten zeigte sich, dass eine Anpassung nötig war, um diesem gerecht zu werden. Mit dem Wegfall der schulischen Rahmenbedingungen und den damit ansteigenden Anforderungen im häuslichen Bereich erhöhte sich der Stresspegel. Die Resultate waren vermehrte Streitigkeiten, die zur Handlungsunfähigkeit führten. Mit dem Anstieg der Probleme wuchs der Beratungs- und Gesprächsbedarf in meiner Praxis.

Ich entwickelte das Angebot der Online-Therapie, denn der Lockdown forderte eine zügige Neuausrichtung aller Beteiligten auf die Begebenheiten.

Vorteile und Inhalte einer Online-Therapie im Lockdown

Die Online-Therapie bietet die Möglichkeit der visuellen Kontaktaufnahme. Hierzu gehört es, dass für AD(H)S-Betroffene und deren Umfeld relevante Themen analysiert, bearbeitet und deren erste konkrete Nutzung besprochen werden.

Vielfältige Problemfelder, die durch Homeschooling entstehen, bestimmen die Inhalte der Online-Therapie:

Wie kann der Arbeitsplatz im Raumangebot gestaltet werden? Wie sollte der Arbeitsplatz aussehen, damit ohne Ablenkung gearbeitet werden kann? Welche Materialien zur Strukturierung des Arbeitsplatzes sind notwendig? Wie ist die zeitliche Organisation? Welche Arbeitssysteme können genutzt werden? Wie ist ein Wechsel von An- und Entspannung möglich? Was bedeutet dies konkret? Wie kann Belohnung aussehen? Wer unterstützt das Kind oder den Jugendlichen bei der Strukturierung, Organisation und Motivation? Wie können Arbeitsmaterialien visuell strukturiert werden? Welche Lernstrategien sind geeignet?

Allerdings gehören auch folgende Fragestellungen zum Alltag des Homeschooling, die die Kinder und Jugendlichen bewusst hinterfragen, wie z.B. Warum muss ich mich anziehen und kämmen, wenn im Online-Unterricht die Kamera aus ist? Hier gilt es, diese aufzugreifen und gemeinsam zu analysieren.

Das gesamte System arbeitet auf Hochtouren, damit Homeschooling gelingt!

Doch wie empfinden die Kinder und die Jugendlichen das Homeschooling in der Corona-Zeit?  

Während die Eltern von einer zunehmenden Ermüdung und Freude über das baldige Öffnen der Schulen und Kindergärten berichten, sagen ihre Kinder, dass sie ihre Freunde und die Pausen vermissen, dennoch das jetzige Lernen als angenehm wahrnehmen.

Gezieltes Nachfragen offenbart, die Gründe für diese Aussagen:        

Die Kinder und Jugendliche berichten, dass sie oft sehr spät einschlafen und deshalb gerne länger schlafen würden. Einige Schulen beginnen im Lockdown später mit dem Online-Unterricht, es findet weniger oder gar kein Unterricht statt. Dies ermöglicht die Anpassung an die persönlichen Schlafbedürfnisse.

Noch mehr Vorteile aus der Perspektive der Kinder und Jugendlichen

Die schulischen Inhalte können nach eigenen Prioritäten und zeitlicher Organisation bearbeitet werden. Die Gestaltung der Pausen orientiere sich an den eigenen Bedürfnissen. Es gäbe weniger Streitigkeiten mit anderen Personen. Sie fühlen sich zuhause weniger abgelenkt. Durch den Online-Unterricht würden sie nicht immer persönlich angesprochen. Da die PC-Kamera nur selten angeschaltet sei, falle es nicht auf, wenn sie nebenbei mit anderen Dingen beschäftigt seien. Der morgendliche Zeitdruck, pünktlich, geduscht und mit allen Schulsachen in der Schule zu erscheinen, sei nicht vorhanden. Die Essenszeiten seien ihren Essbedürfnissen angepasst, da viele AD(H)S-Betroffene morgens nicht frühstücken würden.

Doch es gibt auch die Kehrseite der Medaille, nämlich bei den Kindern und Jugendlichen, deren Eltern und das Umfeld aus unterschiedlichen Gründen, die äußeren Strukturen, Organisation nicht ermöglichen können.

Fazit

Bei der Analyse der Aussagen ist festzustellen, dass Homeschooling ermöglicht, die Lernumgebung, die Aufbereitung der Lerninhalte, die zeitliche Organisation, das Bedürfnis nach Bewegung und Entspannung sowie die Motivationsförderung an den exekutiven Funktionen (kognitive Flexibilität, Arbeitsgedächtnis, Inhibition) anzupassen. Die Nebenwirkungen des Medikamentes, wie die Appetitlosigkeit kann durch die flexible Pausengestaltung ausgeglichen werden. Mit der Unterstützung eines stabilen Umfeldes und der Zusammenarbeit des Systems lässt sich Homeschooling positiv gestalten. Unstimmigkeiten, Zeiten, in denen es nicht so gut gelingt, gehören auch hier dazu.

Zu hoffen ist allerdings, dass wir bald wieder eine Normalität erhalten, damit sich das Umfeld regenerieren kann.

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