„Systeme stärken“- Im Gespräch mit Susanne Seyfried

„Systeme stärken“- Im Gespräch mit Susanne Seyfried

Wie funktioniert Inklusion? Was benötigt das System Schule, damit Kinder mit besonderen Bedürfnissen das Recht zum entwicklungsgemäßen Lernen erhalten?

Unterschiedliche Professionen ermöglichen, dass dies gelingt. Und zu diesen multiprofessionellen Teams gehören bereits an einigen Orten Lerntherapeuten, wie Susanne Seyfried.

Susanne steht in der Öffentlichkeit, in den sozialen Netzwerken für den Gedanken, dass Lerntherapie in Schule gehört.

Doch ihre Stärken sind nicht nur Worte, sondern auch Taten.

Als BVL- zertifizierte Dyskalkulietherapeutin, studierte integrative Lerntherapeutin präsentiert sie auf ihrer Website www.lerntherapie-vs.de, was Lerntherapie bedeutet und wie Kindern, Eltern unterstützt werden können.

Der Elan Susannes, sich für dieses Ziel einzusetzen, begeistert. Daraus entstand auch der Gedanke, einen gemeinsamen Podcast „Systemstärker“ zu entwickeln.

Susanne Seyfried arbeitet selbständig in ihrer eigenen Praxis in VS-Schwenningen und in einer ortsansässigen Schule als Lerntherapeutin. Als Referentin für Lehrer verbreitet sie das Wissen über den Beruf eines Lerntherapeuten und informiert über die Themen wie LRS- Lese-Rechtschreibstörung, Dyskalkulie -Rechenstörung, deren Grundlagen und Förderung.

Ich freue mich, dass Susanne fünf Fragen zu unserem neuen Podcast „Systemstärker“, zu Lerntherapie und der Arbeit in der Schule und zu ihrer Person beantwortet.

Ich lade euch zu einem spannenden Leseerlebnis ein.

Dankeschön, liebe Susanne für deine Antworten!

Warum ist der Podcast “Systemstärker” für Eltern, Pädagogen und
Interessierte wertvoll?

Ich bin schon total aufgeregt, dass wir unseren Podcast ganz bald starten werden. Wir sind gerade mitten in den ersten Aufnahmen und mit Jeannine habe ich eine wunderbare Kollegin an meiner Seite, die für ihren Beruf genauso brennt wie ich.


Uns beiden ist es wichtig, Eltern und Pädagogen Tipps fürs leichter Lernen an die Hand zu geben, über unsere täglichen Herausforderungen, aber auch Erfolge zu sprechen.


Denn die lerntherapeutische Arbeit ist extrem spannend und vielfältig und mit unseren Tipps möchten wir aufzeigen, wie Schüler aus eigener Kraft, mit viel Geduld und Ausdauer wieder gerne lernen, ihre Lernschwierigkeiten meistern und über sich hinaus wachsen können.


Dabei stärken wir nicht nur die Schüler, sondern auch die Eltern und entlasten die
Lehrkräfte.

Welche Schwerpunkte setzt du in deiner Arbeit als Lerntherapeutin?

Ein großer Schwerpunkt meiner Arbeit ist die Unterstützung von Schüler mit
Rechenschwierigkeiten. Ich begleite aber auch Schüler mit Lese-Rechtschreibschwierigkeiten (LRS) und beim Englischlernen mit einer LRS.


Der Fokus der letzten Monate lag ganz klar in der Lehrerfortbildung.

Momentan bin ich mitten in einer Fortbildung für die British School of Beijing, Shunyi. Das macht mir riesigen Spaß und ich freue mich, dass ich das Kollegium der German Primary über einige Wochen
unterstützen und begleiten kann.


Weitere Lehrerfortbildungen an meiner eigenen Schule in Villingen-Schwenningen, wo ich seit über 3 Jahren tätig bin und an weiteren Schulen sind geplant. Je besser Lehrkräfte über die Themen Rechenschwäche und LRS, aber auch AD(H)S und allgemeine Lernschwierigkeiten informiert sind, desto besser können sie ihre Schüler unterstützen.

Warum ist es so wichtig, die Öffentlichkeit über Lerntherapie in Schule zu informieren?

Oft kommen viele Fragezeichen, wenn es darum geht, was ich genau beruflich mache.

Der Begriff Lerntherapeut löst ganz unterschiedliche Assoziationen aus. Einige verbinden mit Therapie oder Therapeut etwas mit “Krankheit”, andere können damit überhaupt nichts anfangen.

Wenn ein Lerntherapeut dann noch an einer Schule arbeitet, kommt erst nur ein kleines Stirnrunzeln und dann große Begeisterung, wenn ich berichte, was ich genau mache.

Denn egal, wie wir unser Berufsbild nennen, ob Lerntherapeut, Experte für Lernschwierigkeiten, Dyskalkulietrainer oder LRS-Fachkraft, wichtig ist nur Folgendes: Lerntherapeuten unterstützen umfassend, niederschwellig und haben immer die Ressourcen des Schülers im Blick.

An einer Schule zu arbeiten, heißt für mich Schüler frühzeitig unterstützen, bevor die Schwierigkeiten immer größer werden.

An einer Schule kann ich somit präventiv arbeiten und Schülern die nötige Unterstützung geben und sie emotional stärken. Im Gespräch mit dem Schüler kann ich herausfinden, wo er im Lesen, Schreiben oder Rechnen steht und Tipps für Üben daheim geben. Ich bin außerdem in engem Austausch mit der Lehrkraft und idealerweise habe ich auch Förderstunden, um Schüler innerschulisch zu begleiten.

Meine Vision ist es, an Schulen multiprofessionelle Teams zu etablieren. Lerntherapeuten sollten fester Bestandteil an jeder Schule sein.

Daher ist es mir so wichtig über meine Arbeit zu berichten, um durch die Öffentlichkeitsarbeit die Chancen von Lerntherapie in Schule zu erhöhen. Die Schüler haben unsere Unterstützung verdient und das unabhängig von den finanziellen Mitteln der Eltern (momentan wird eine Lerntherapie wird oft privat finanziert – Bildungsgerechtigkeit sieht anders aus).

Ich bin aber optimistisch, dass die Chancen von Lerntherapeuten an Schulen gesehen werden und bald die Möglichkeiten von individueller Förderung in Schule noch häufiger umgesetzt werden.

Beschreibe dich mit fünf Worten

offen für Neues, risikofreudig, reiselustig, kommunikationsstark und ich bin ein absoluter Bücherwurm

Wenn du mehr über mich wissen möchtest, dann findest du hier über 50 Fun Facts (Spannendes, Kurioses und Lustiges).

Was sind deine nächsten Projekte?

Neben dem Podcast plane ich weitere Lehrerfortbildungen, ein Online Elterncoaching zum Thema Lesen und ganz neu Angebote für Lerntherapeuten mit dem Schwerpunkt Lerntherapie in Schule.

Liebe Jeannine, vielen lieben Dank für das Interview. Ich freue mich auf unsere gemeinsamen Herausforderungen, denn ich sprühe vor neuen Ideen und kann es kaum erwarten, diese Schritt für Schritt anzupacken.

ADHS-Kompass

Gastbeitrag „Wenn-Dann Pläne bei ADHS“ von Lili Paulsen

Störungsfreier Unterricht und Betreuungsalltag durch den Einsatz von Wenn-Dann Plänen bei ADHS

Kindern und Jugendlichen mit ADHS fällt es oft schwer, sich selbst zu regulieren und Aufgaben umzusetzen. Dies liegt an den geringer ausgeprägten exekutiven Funktionen bei ADHS-Betroffenen (siehe Beitrag: „Neurobiologe und ADHS, absolut verlockend!“). In der pädagogischen Arbeit können Fachkräfte Kinder und Jugendliche bei genau diesen Schwierigkeiten unterstützen, indem sie mit ihnen für bestimmte Situationen Wenn-Dann Pläne aufstellen.

Was ist bei einem Wenn-Dann Plan zu beachten?

  1. Das Kind oder der/die Jugendliche sollte sich mit seiner/ihrer Zielintention und dem daran anknüpfenden Wenn-Dann Plan identifizieren, da sonst keine ausreichende intrinsische Motivation vorhanden ist
  2. Es sollte immer nur ein Wenn-Dann Plan zur Zeit behandelt werden
  3. Wenn ein Ziel erreicht ist, kann der nächste Plan entwickelt werden
  4. Im Wenn-Teil wird die Situation festgelegt, in der ein Alternativverhalten gewünscht ist. Im Dann-Teil wird das Verhalten festgelegt, das nach der eintretenden Situation ausgeführt werden soll.

Ein Beispiel aus der Praxis

Zur Zeit befinde ich mich im Rahmen meines Studiums der Erziehungswissenschaft im Praktikum in der Lerntherapiepraxis „Institut Lernen“ bei Jeannine Hohmann.

Gemeinsam haben wir Arbeitsblätter für die Wenn-Dann Pläne entwickelt und fangen an, sie bei Kindern und Jugendlichen, die ADHS diagnostiziert sind, in der Lerntherapie einzusetzen, wenn diese zum Beispiel Schwierigkeiten in der Selbstregulation und Motivation, die gerade bei ADHS auftreten, zeigen.

Selbstverständlich können Wenn-Dann Pläne auch außerhalb der Lerntherapie in der Schule zur Verhaltensregulation bei ADHS und in anderen pädagogischen Einrichtungen verwendet werden.

Schrittweise Anwendung des Wenn-Dann Plans in der Praxis

Ein ADS betroffener Junge im Grundschulalter, den wir in der Lerntherapie betreuen, bekommt im Schulalltag oft Wutanfälle. Beispielsweise, wenn er auf dem Schulhof oder im Sportunterricht aus Versehen von Mitschüler:innen angerempelt wird. Im Nachhinein tun ihm die Wutanfälle immer leid, da ihm bewusst ist, dass er dabei anderen wehtun kann.

Wenn-Dann Heft

Wir haben mit ihm ein Wenn-Dann Heft erstellt.

Wenn-Dann-Heft bei ADHS

Zunächst überlegten wir gemeinsam, welche Ziele er hat und welches ihm davon momentan am wichtigsten erscheint, damit wir zusammen daran arbeiten können.

Er entschied sich für das Ziel:

„Ich möchte mich nicht mehr so viel streiten“.

Zielvereinbarung ADHS

Anschließend erarbeiteten wir, wie er das Ziel durch alternatives Verhalten erreichen kann und in welchen Situationen dieses eingesetzt werden solle. Auch hier sollte er sich für eine Verhaltensweise und eine Situation entscheiden:

„Im Sportunterricht drei Mal tief durchatmen und warten“.

Situation und alternatives Verhalten

Um seine intrinsische Motivation weiter anzuregen, haben wir gemeinsam über den Nutzen seiner Fähigkeit nachgedacht. Sowohl für ihn als auch für seine Familie und Freunde.

Zudem sollte er sich einen Helfer oder eine Helferin aussuchen, der/die ihn in brenzligen Situationen an seinen Wenn-Dann Plan erinnert und ihn bestärken kann. Inspiriert von dem „Ich schaff’s“-Modell von Ben Furmann durfte er sich im nächsten Schritt sein Kraft-Tier oder Superhelden aussuchen, an den er in schwierigen Situationen denken und deren Eigenschaft ihm helfen soll.

Sein Superheld Shadow klebt zum Beispiel auf dem Deckblatt seines Wenn-Dann Heftes, hängt an seiner Federtasche und an anderen Orten, damit er immer wieder an seinen Plan und seine Superkraft erinnert wird. Außerdem haben wir einen Steckbrief mit Shadows Superkräften und Eigenschaften erstellt.

Als nächstes wurde festgelegt, wie er feiern möchte, wenn er seinen Wenn-Dann Plan nicht mehr braucht: mit einem Eis in der Lerntherapie.

Fertiger Wenn-Dann Plan

Zuletzt fassten wir alle Schritte in einem Wenn-Dann Plan zusammen:

Wenn ich im Sportunterricht wütend werde, dann atme ich drei Mal tief durch und warte“.

Fertiger Wenn-Dann Plan ADHS

Skalierung als Reflexion des Wenn-Dann Planes

Jede Woche trägt er in einer Skala ein, wie gut es ihm in den letzten sieben Tagen gelungen ist, seinen Plan umzusetzen. Zudem sind wir im Kontakt mit der Deutschlehrerin, die auch von seinem  Wenn-Dann Plan weiß und zwischendurch sein Verhalten mit ihm reflektiert.

Skalierung Wenn-Dann-Plan

Bildergalerie

Ich wünsche euch viel Erfolg beim Ausprobieren der Wenn-Dann Pläne.

Eure Lili Paulsen

Fachliteratur und Quellen

Fachliteratur

Ausführlichere fachliche Informationen sind im internen Mitgliederbereich dieses ADHS-Blogs zu finden. Zudem haben wir einen Literaturtipp, der sich mit ADHS im Unterricht und dem Einsatz von Wenn-Dann Plänen in der pädagogischen Praxis befasst:

„Störungsfreier Unterricht trotz ADHS. Mit Schülern Selbstregulation trainieren – ein Lehrmanual“

Quellen:

Faude-Koivisto, Tanya/ Gollwitzer, Peter: Wenn-Dann Pläne: eine effektive Planungsstrategie aus der Motivationspsychologie, in Birgmeier, Bernd (Hrsg.): Coachingswissen: denn sie wissen nicht, was sie tun?, Verlag für Sozialwissenschaft, KOPS, Wiesbaden 2009, S.207-225

Furman, Ben: Ich schaff’s! Spielerisch und praktisch Lösungen mit Kindern finden – Das 15-Schritte-Programm für Eltern, Erzieher und Therapeuten, Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg 2008 (3. Auflage)

Gawrilow, Caterina/ Guderjhan, Lena/ Gold, Andreas: Störungsfreier Unterricht trotz ADHS. Mit Schülern Selbstregulation trainieren – ein Lehrmanunal. Ernst Reinhardt Verlag, München 2018 (2. Auflage)

ADHS-Kompass

Interview Neurolifebalance

Jeannine Hohmann und Thomas Weidauer

Thomas Weidauer arbeitet seit mehr als 35 Jahren in der IT an den unterschiedlichsten Themen – von Programmierung bis zu Konzeption und Betrieb globaler IT-Systeme wie SAP, Börsenhandelssysteme mit Hochverfügbarkeit etc. Seit 16 Jahren leitet er als Generalist internationale IT-Projekte, oft mit dem Fokus einer „Projektrettung“. 2018 studierte er bei Dr. Robert Melillo funktionelle Neurologie.  Seit 1992 arbeitet er selbständig. Im Jahr 2019 gründete er NeuroLifeBalance.

2018 hatte sein Sohn Max, damals 8, die Diagnose ADS mit starken Auffälligkeiten, Symptomen und Einschränkungen, die einen schulischen und familiären Alltag fast unmöglich machten. Medikamente mit starken Nebenwirkungen waren das schulmedizinische Mittel der Wahl, mit der Empfehlung Psychiatrie. Mit erheblichem Leidensdruck und viel Engagement machte sich Thomas Weidauer auf die Suche nach einer Alternative und stieß auf ein einzigartiges Coaching in den USA.

Während eines dreimonatigen Aufenthalts in den USA nahm die ganze Familie an dem Coaching aus Koordinationsaufgaben, Stabilisierungstraining und Sinnesübungen zum Ausgleich von ungleichen Entwicklungszuständen des Gehirns teil. Heute wirkt sein Sohn wie ausgewechselt und auch in der Schule konnten sich seine Noten enorm verbessern. Dieser erstaunliche Erfolg, der mit klassischen Methoden undenkbar war, ließ den Wunsch und die Idee reifen, das Training auch anderen Familien in Deutschland zugänglich zu machen.

Interview Neurolifebalance Jeannine Hohmann und Thomas Weidauer

ADHS-Kompass

Corona – Homeschooling, Lerntherapie und AD(H)S

Was bedeutet Homeschooling für die Betroffenen mit AD(H)S?

Homeschooling ist eine gute Möglichkeit, um schulisches Wissen in der Corona-Zeit zu vermitteln.  Gilt dies auch für AD(H)S betroffene Kinder und Jugendliche? Welche Inhalte stehen im Fokus der Online-Therapie?

Exkurs Lerntherapie

Mein Name ist Jeannine Hohmann. Ich arbeite in meiner Praxis Institut Lernen mit Kindern und Jugendlichen, die AD(H)S diagnostiziert wurden. Lerntherapie betrachtet unterschiedliche Entwicklungsbereiche unter Einbeziehung der Kompetenzen und Grenzen. Die Grundlagen der Förderung beinhalten schulische Fertigkeiten, die Sensomotorik, die Sprachentwicklung, den psycho-sozialen Aspekt, die kognitiven Fähigkeiten sowie die Vermittlung der Strukturierungs- und Arbeitsorganisation. Aus der Analyse der Diagnostik ergibt sich der Therapieansatz. Es findet eine wöchentliche Therapiestunde mit den Kindern/den Jugendlichen und ein regelmäßiger Austausch mit den Eltern, Schule und Betreuung statt.

Lockdown und was jetzt?

Online-Therapie als Unterstützungselement für Homeschooling

Als der Lockdown begann, realisierten Eltern erst allmählich, welche Auswirkungen die Veränderungen der äußeren Strukturen auf ihr Familienleben haben würden. In zahlreichen Telefonaten zeigte sich, dass eine Anpassung nötig war, um diesem gerecht zu werden. Mit dem Wegfall der schulischen Rahmenbedingungen und den damit ansteigenden Anforderungen im häuslichen Bereich erhöhte sich der Stresspegel. Die Resultate waren vermehrte Streitigkeiten, die zur Handlungsunfähigkeit führten. Mit dem Anstieg der Probleme wuchs der Beratungs- und Gesprächsbedarf in meiner Praxis.

Ich entwickelte das Angebot der Online-Therapie, denn der Lockdown forderte eine zügige Neuausrichtung aller Beteiligten auf die Begebenheiten.

Vorteile und Inhalte einer Online-Therapie im Lockdown

Die Online-Therapie bietet die Möglichkeit der visuellen Kontaktaufnahme. Hierzu gehört es, dass für AD(H)S-Betroffene und deren Umfeld relevante Themen analysiert, bearbeitet und deren erste konkrete Nutzung besprochen werden.

Vielfältige Problemfelder, die durch Homeschooling entstehen, bestimmen die Inhalte der Online-Therapie:

Wie kann der Arbeitsplatz im Raumangebot gestaltet werden? Wie sollte der Arbeitsplatz aussehen, damit ohne Ablenkung gearbeitet werden kann? Welche Materialien zur Strukturierung des Arbeitsplatzes sind notwendig? Wie ist die zeitliche Organisation? Welche Arbeitssysteme können genutzt werden? Wie ist ein Wechsel von An- und Entspannung möglich? Was bedeutet dies konkret? Wie kann Belohnung aussehen? Wer unterstützt das Kind oder den Jugendlichen bei der Strukturierung, Organisation und Motivation? Wie können Arbeitsmaterialien visuell strukturiert werden? Welche Lernstrategien sind geeignet?

Allerdings gehören auch folgende Fragestellungen zum Alltag des Homeschooling, die die Kinder und Jugendlichen bewusst hinterfragen, wie z.B. Warum muss ich mich anziehen und kämmen, wenn im Online-Unterricht die Kamera aus ist? Hier gilt es, diese aufzugreifen und gemeinsam zu analysieren.

Das gesamte System arbeitet auf Hochtouren, damit Homeschooling gelingt!

Doch wie empfinden die Kinder und die Jugendlichen das Homeschooling in der Corona-Zeit?  

Während die Eltern von einer zunehmenden Ermüdung und Freude über das baldige Öffnen der Schulen und Kindergärten berichten, sagen ihre Kinder, dass sie ihre Freunde und die Pausen vermissen, dennoch das jetzige Lernen als angenehm wahrnehmen.

Gezieltes Nachfragen offenbart, die Gründe für diese Aussagen:        

Die Kinder und Jugendliche berichten, dass sie oft sehr spät einschlafen und deshalb gerne länger schlafen würden. Einige Schulen beginnen im Lockdown später mit dem Online-Unterricht, es findet weniger oder gar kein Unterricht statt. Dies ermöglicht die Anpassung an die persönlichen Schlafbedürfnisse.

Noch mehr Vorteile aus der Perspektive der Kinder und Jugendlichen

Die schulischen Inhalte können nach eigenen Prioritäten und zeitlicher Organisation bearbeitet werden. Die Gestaltung der Pausen orientiere sich an den eigenen Bedürfnissen. Es gäbe weniger Streitigkeiten mit anderen Personen. Sie fühlen sich zuhause weniger abgelenkt. Durch den Online-Unterricht würden sie nicht immer persönlich angesprochen. Da die PC-Kamera nur selten angeschaltet sei, falle es nicht auf, wenn sie nebenbei mit anderen Dingen beschäftigt seien. Der morgendliche Zeitdruck, pünktlich, geduscht und mit allen Schulsachen in der Schule zu erscheinen, sei nicht vorhanden. Die Essenszeiten seien ihren Essbedürfnissen angepasst, da viele AD(H)S-Betroffene morgens nicht frühstücken würden.

Doch es gibt auch die Kehrseite der Medaille, nämlich bei den Kindern und Jugendlichen, deren Eltern und das Umfeld aus unterschiedlichen Gründen, die äußeren Strukturen, Organisation nicht ermöglichen können.

Fazit

Bei der Analyse der Aussagen ist festzustellen, dass Homeschooling ermöglicht, die Lernumgebung, die Aufbereitung der Lerninhalte, die zeitliche Organisation, das Bedürfnis nach Bewegung und Entspannung sowie die Motivationsförderung an den exekutiven Funktionen (kognitive Flexibilität, Arbeitsgedächtnis, Inhibition) anzupassen. Die Nebenwirkungen des Medikamentes, wie die Appetitlosigkeit kann durch die flexible Pausengestaltung ausgeglichen werden. Mit der Unterstützung eines stabilen Umfeldes und der Zusammenarbeit des Systems lässt sich Homeschooling positiv gestalten. Unstimmigkeiten, Zeiten, in denen es nicht so gut gelingt, gehören auch hier dazu.

Zu hoffen ist allerdings, dass wir bald wieder eine Normalität erhalten, damit sich das Umfeld regenerieren kann.